16.08.2022

Die Zukunft steckt in der Chemie, oder: Der Natur abgeschaut

Farben und Lacke gelten vom Grundsatz her als nachhaltig, schützen sie doch Bauwerke und Gegenstände des Alltags vor dem Verfall und schonen dadurch Ressourcen. Wie aber lassen sich Lacke und Farben so herstellen, dass auch die Inhaltsstoffe, aus denen sie bestehen, gut für die Umwelt sind? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Nordmann-Kunde Jürgen Kiroff, Inhaber des Familienunternehmens „Farben-Kiroff-Technik“ im bayerischen Fürth. 

Herr Kiroff, wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft für Farben und Lacke in Hinblick auf Nachhaltigkeit aus?

Jürgen Kiroff: Die Zukunft in Bezug auf Nachhaltigkeit liegt für mich ganz klar in der Chemie. Denn der heutige Anspruch an Lacke ist ja, dass sie extrem resistent gegen Wind und Wetter sein sollen. Diese Unzerstörbarkeit steht jedoch im Widerspruch zum Wunsch der biologischen Abbaubarkeit von Farben und Lacken. Dafür gilt es eine Lösung zu finden. Eine Möglichkeit ist, von Anfang an bei der Herstellung von Farben und Lacken auf Recycling zu setzen und sehr haltbare Stoffe in einen sauberen Kreislauf zu überführen, so dass aus den Inhaltsstoffen bei der Trennung wieder Rohstoffe gewonnen werden können. Bei dem anderen Ansatz ist ebenfalls Chemie im Spiel. Er geht davon aus, dass man sich bei der Herstellung neuartiger Lacke und Farben noch stärker an der Natur orientiert. Dass man also auf Stoffe, zurückgreift, die in der Natur vorkommen und die sich durch chemische Verfahren so modifizieren lassen, dass sie perfekt zu den gegenwärtigen Bedürfnissen von Haltbarkeit und Nachhaltigkeit passen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Jürgen Kiroff: Kennen Sie Formoline L112? Das ist ein Fettbinder, der als Diäthilfe angeboten wird. Er sorgt nach einer schweren Mahlzeit dafür, dass der Körper die konsumierten Fette weniger stark verwertet. Formoline L 112 finden Sie auch in einem Nachschlagewerk der natürlichen, organischen Harze. Es ist mit dem Colour Index, einem Standardwerk auf dem Gebiet der Pigment- und Farbstoffchemie, vergleichbar. Dort steht, dass das Polymer L 112 zum Großteil aus Chitosan besteht. Chitosan ist ein Biopolymer, also eine chemische Verbindung aus großen Molekülen natürlichen Ursprungs. Es wird aus Chitin gewonnen. Chitin kennen wir in der Natur wiederum aus der Schale von Meerestieren. Die hornige Substanz macht die Panzer von etwa Garnelen, Krebsen und Krabben elastisch, außerdem ist sie beständig gegenüber Chemikalien. Wenn man nun aus Chitin mit Hilfe chemischer Verfahren Chitosan oder Formoline L 112 herstellt, dann kommt eine Eigenschaft hinzu - nämlich die, dass Chitosan fettlösliche Stoffe binden kann. Daher auch der Einsatz als Nahrungsmittelergänzung im Rahmen von Diäten. Fettlöslich binden zu können, bedeutet, dass der eigentlich feste Chitin-Panzer verflüssigt werden kann.

Das heißt: Ein Lack, der auf dem Prinzip einer Verwandlung von Chitin in Chitosan beruhen würde, bestünde aus einem elastischen, widerstandsfähigen Naturstoff, der durch die Möglichkeit der Verflüssigung gleichzeitig gut abgebaut werden könnte. Gibt es bereits einen Chitosan-Lack?

Jürgen Kiroff: Nein. Ein Lack auf Chitosan-Basis existiert nicht. Seit der Entdeckung des Mechanismus’ vor etwa zehn Jahren befinden wir uns in der Phase der Untersuchung und Überprüfung von Eigenschaften und Potenzialen. Aber das Beispiel zeigt, dass die Natur sehr viele Möglichkeiten bereithält und man von ihr durchaus auch im Hinblick auf die Entwicklung neuer Farben und Lacke lernen kann.

Was denken Sie, wie lange es bis zur Marktreife eines solchen Lacks dauern wird?

Jürgen Kiroff: Die Geschwindigkeit wird davon abhängen, wie groß der politische oder gesellschaftliche Druck ist. Je größer und drängender der Wunsch nach Nachhaltigkeit ist, desto mehr wird auch geforscht werden.

Jürgen Kiroff

studierte an der Fachhochschule Nürnberg Feinwerktechnik und ist seit 1988 im Betrieb seiner Eltern. In der Firma „Farben-Kiroff-Technik“ erprobt er neue und alte Werkstoffe und Technologien, erfüllt damit die Wünsche von Industrie- und Handwerksunternehmen. Zu den Abnehmern zählen Firmen wie die Audi AG und die Robert Bosch GmbH, Fairchild Dornier, Rolex und Singapore Airlines. Außerdem arbeitet Jürgen Kiroff als Sachverständiger für historische Farben und Lacke unter anderen für das RAL und das Deutschen Technikmuseums Berlin.
 

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